von Rantanplan » 12. November 2010, 20:01
Ich habe länger überlegt, wie ich meine Rezension einleiten soll. Kann ich Atlantean Kodex noch als junge Band bezeichnen oder schon als bunten Hund im Gewerbe? Nach all den huldigend positiven Kritiken in Wort und Schrift der letzten Zeit, kann man wohl nur ein überaus großes Stück Musik erwarten, oder etwa doch nicht?
Zu aller erst möchte ich klarstellen, dass der musikalische Ritterschlag 'Klassiker' zu dem jetzigen Zeitpunkt mehr als nur fehl am Platz ist. Wer in seiner Rezension von dieser Begrifflichkeit Gebrauch macht, der findet Lady Gaga süß, ihre Musik geil und denkt, seine MP3 Wireless Streaming Vorrichtung von der Größe eines Funkweckers, wäre gemeinhin als Anlage zu bezeichnen.
Waren die Pnakotic Demos ursprĂĽnglich selbst finanziert, wurden sie jĂĽngst vom italienischen Label 'Cruz Del Sur' neu aufgelegt und infolge dessen auch die Band fĂĽr ihr neues Album 'The Golden Bough' unter Vertrag genommen.
Beim Sound hingegen ist Stillstand anscheinend Ehrensache. Die klanglichen Verbesserungen zu dem 2007er Demo sind nur marginal. Auf Dolby im Mix, Trigger und Quantizations bei den Trommelaufnahmen wurde angeblich verzichtet, ob das aber überhaupt jemanden in dieser an Technik völlig reizüberfluteten Gesellschaft interessiert? Ich muss zugeben, dass mir das gar nicht aufgefallen wäre, hätte die Band das nicht extra herausgehoben. Bei all den Demo-, Rehearsal- und einfach nur schlecht produzierten Aufnahmen, die ich über die Jahre gehört habe, stumpft man bei diesen klanglichen Nuancen doch ein wenig ab.
Musikalisch gesehen ist die Scheibe in ihrer Ganzheit für mich eine Enttäuschung. Sind die ersten vier Lieder inklusive der intonierten Melancholie „The White Goddess“ (Instrumental) noch Klassiker - pardon - Göttergaben, so sind die darauffolgenden Stücke bis hin zu 'The Atlantean Kodex' zwar stark, passen aber nicht in den musikalischen Kontext, auf den die ersten vier Stücke hinarbeiten. Episch, monumental und melodiös kommen sie daher: 'Fountain Of Nepenthe', 'Pilgrim' , 'Temple Of Katholic Magick' und in gewisser Weise auch 'The White Goddess'. Das Nachfolgende 'Disciples Of The Iron Crown' hört sich wie eine ausgemusterte B-Seite an, will es auf Hängen und Würgen komplett aus dem Raster fallen. Das ominöse 'Vesperal Hymn' – bekannt von der noch ominöseren 12'' – markiert hier gleichzeit Tiefpunkt des Albums, wie auch der Gesangsleistung Herrn Beckers. Bei „what cries the westwind, cries the westwind“ stellen sich bei mir die Nackenhaare auf.
'The Atlantean Kodex' ist mir auf dem Album viel zu rockig. Nett anzuhören, passt aber wie oben schon erwähnt nicht in den episch düsteren Grundton des Albums.
Einzig 'A Prophet In The Forest' ist wieder ein Lichtblick. Die Demoversion hat schon Anno 2009 auf den Pnakotic Vinyls das Licht erblickt. Nun ist hier die fertiggestellte Aufnahme präsent. Für mich ist sie weder schlechter, noch besser als ihre unfertige Schwester, hört sich aber mitsamt den ersten vier Liedern am besten an.
Nun zu dem Titeltrack 'The Golden Bough' : Wer hat sich denn diesen Quark ausgedacht? Der Inselaffenakzent der vom Choreffekt nicht verschont gebliebenen vortragenden Mietze, passt überhaupt nicht zu dem Text. Da hätte es eine markerschütternde tiefe und wehleidige Stimme gebraucht.
Man mag mir die harschen Worte verzeihen, aber nachdem man von dem superben und sich steigernden Anfang des Albums weitere Höhepunkte erwartet, so wird man ab Track fünf bitter enttäuscht. Natürlich muss es Abwechslung geben, innerhalb der Songs sowie zueinander. Aber ein Abweichen der maßgebenden Richtung des Albums ist für mein Verständnis ein völlig inkonsequentes Vorgehen, das in dieser Form hoffentlich nicht nochmal vorkommt.
Bleibt nur noch zu sagen, dass für mich die erwähnten tollen fünf Songs des Albums das eigentliche 'The Golden Bough' darstellen. Die restlichen Lückenfüller hätte man besser als Bonus auf die neuaufgelegte 'The Golden Bough' EP mit ihren wunderbaren fünf Songs gepackt.