von Hugin » 30. Juni 2009, 11:26
Oh je... schwieriges Thema. Als Jahrgang 1975 hab ich so ca. 1988 angefangen Metal zu hören und auch mit entsprechender Euphorie TV-Formate wie Headbanger's Ball und später Metalla zu schauen. Diese wurden dann Anfangs der Neunziger zusehens von Alternative und Crossover unterwandert, und ich habe es GEHASST. Genau wie Ulle es beschrieben hat. Nirvana, Pearl Jam, Clawfinger und Nine Inch Nails waren nur einige der großen Feindbilder jener Zeit, weil sie Manowar, Maiden, Priest oder Helloween aus den TV-Formaten und aus den Magazinen verdrängten.
Heute sehe ich es so, dass der Grunge und der Crossover nicht die Ursache waren, dass der Metal aus den Schlagzeilen verschwand, sondern dass deren Hype mehr oder weniger die Folge eines Abwendens des Business von den traditionelleren Hardrock- und Metalbands war. Die Metalszene war Ende der Achtziger für die Labels und die Medien nicht mehr formbar; sie hatte ihre unangefochtenen Flaggschiffe und dahinter Tausende Bands, die - so gut sie auch gewesen sein mögen - nicht dafür taugten mit ihnen Geld in Dimensionen zu scheffeln, die für die Major-Labels und die Radio- und TV-Sender interessant gewesen wären. Das ist doch immer so: Ist der große Boom vorbei, dann verkaufen sich nur noch die Großen, während die ganzen Epigonen und Trendreiter langsam sogar Anfangen die Szene im engeren Sinne zu nerven. Stichworte: Metalcore, Pagan Metal, Black Metal, Euro Power Metal, Nu Metal, Crossover etc... Auch der Grunge ist auf die selbe Art und Weise "gestorben", wie der Metal; sogar viel schneller. Der Metal war immerhin weit über 10 Jahre "in". Wer hat den Grunge getötet? Der Nu Metal? Der Crossover? Markus Kavka?
Genau wie bei Ulle hat sich auch bei mir die Abneigung gegen den Grunge sehr stark relativiert. Ich mag heute viele Bands, die ich damals gehasst habe. Der damalige Hass war ja eh nur eine Kompensation des Ärgers darüber, dass die Medien meinen geliebten Stil zu ignorieren begannen und dadurch viele "meiner" Bands sich gezwungen sahen, ihren Stil an neue Trends anzupassen. Heute gibt es wieder einen vitalen Underground, das Internet und eine Szene, die ohne den Support der Massenmedien recht gut funktioniert. Heute brauche ich kein Metal-TV-Format mehr, um informiert zu sein und alles hören zu können, was mich interessiert. Drum muss ich heute auch die Schuld an den Formschwankungen der Metalszene auch nicht mehr außerhalb der Szene suchen.
Es wird auch oft übersehen, dass die Formschwäche der 80er-Bands und der Massentrend hin zum Grunge Anfang der Neunziger auch etwas begünstigt hat, das die Vitalität und Kreativität der Metalszene im engeren Sinne eindrucksvoll bewiesen hat. Der Metal hat den extremen Rändern seines traditionellen Bereichs dermaßen intensiv zugelegt, wie man es sich vorher nicht hätte erträumen können. Ich bin mir absolut sicher, dass die metalfeindliche Stimmung der frühen Neunziger nicht zuletzt als Trotzreaktion die goldene Zeit des Death Metals und den Beginn der großen zweiten Black-Metal-Welle wesentlich begünstigt hat. Dafür bin ich sehr dankbar!
"It takes a thousand fans from any other band to make one Manowarrior!"- Sir Dr. Joey DeMaio, 2012
Primitivsoundkunst:
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